Bearbeitungsstand: 09.01.2013

"Sinaida Dawidow von der Krim
hatte noch nach dem Krieg Freunde in Hambergen"

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Sinaida Dawidow
Sinaida Dawidow als junge Ostarbeiterin bei der Familie Meyerhoff - 1942 in Hambergen

Sinaida Sablowa wurde in Leninsk auf der Krim geboren. Ihre Eltern verstarben früh, und sie wuchs bei den Großeltrn mit acht Kindern auf. Wer sich unter Stalin weigerte, sein Land für die Kollektivierung der Landwirtschaft herzugeben, wurde u.a. nach Sibirien verschleppt. So kam das Mädchen nach Pnedosija in der Nähe von Archangelsk am Weißen Meer in Nordrussland. 1932 kam sie als Zehnjährige in die Ukraine und besuchte dort die Schule. Als Zwanzigjährige wurde sie für die Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfasst. Für sie war es ein Glück, dass noch ein Onkel und eine Tante dabei waren. Sie mussten zunächst 120 Kilometer zu Fuß gehen, bevor sie auf Güterwagen nach Deutschland fuhren. Im Juli 1942 kamen sie in Bremen an. Dort wurden sie an wartende Handwerksmeister, Repräsentanten von Firmen und Bauernvertreter umliegender Dörfer verteilt. Ihr Onkel hatte Sinaida geraten, zu einem Bauern zu gehen - dort würde sie ausreichend zu essen bekommen. Tatsächlich kam sie nach einigem Hin und Her und nach Desinfektion und Dusche aufs Land. Für drei Jahre war sie in Hambergen Nr. 10 auf dem Hof des Bauern Hinrich Meyerhoff zu Hause.
Entgegen den Vorschriften wurde sie ins Familienleben mit aufgenommen. Sie musste allerdings das OST-Abzeichen tragen. Briefe durfte sie nicht schreiben oder bekommen, aber jeden zweiten Sonntag hatte sie arbeitsfrei. Dann ging sie sechs Kilometer über das Feld in Richtung Lübberstedt. Sie hatte gehört, dass dort russische Arbeiter in einem Lager lebten. Denen brachte sie Brot, Salz, Eier und Mettwurst. Der Bauer hatte ihr eingeschärft, auf keinen Fall zu verraten, woher die Lebensmittel stammten.
Nach dem Krieg schlug sie sich zu ihrem Onkel nach Lilienthal durch. Über Bremen wurden sie nach Magdeburg gebracht. Sie mussten schwere Aufräumarbeiten tun. Mit ihrer Freundin zusammen blieb sie in Berlin bei russischen Offizieren. Dort lernte sie ihren Mann, den Offizier Viktor Dawidow kennen. Sie heirateten und blieben bis August 1946 in der Stadt.
Dann zogen sie in das 7000 Kilometer entfernte Alma-Ata in Kasachstan, an der chinesischen Grenze (Bei WIKIPEDIA über Alma-Ata nachlesen.). Dort bekam sie einen Pass, aber man vergaß, ihr eine Bescheinigung auszustellen, dass sie "rehabilitiert" sei und keine "Verräterin". Ehemalige Zwangsarbeiter wurden von den Behörden als Verräter betrachtet, weil sie den Hitler-Staat mit ihrer Arbeit unterstützt hätten. Ihr Mann starb 1981, sie hatte zwei Kinder. Ihre Rente reichte nicht zum Leben, deshalb nahm sie verschiedene Gelegenheitsarbeiten an. In den politischen Umbrüchen gelang es Sinaida Dawidow über ihren inzwischen in Deutschland verheirateten Sohn Kontakt zur Familie Meyerhoff zu bekommen, wie sie in einem Gespräch am 21. April 1995 in Hambergen erzählte.
vgl. Hillmann, Kluge, Kramer (siehe Literatur), S. 93 f.

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Literatur: Barbara Hillmann, Volrad Kluge, Erdwig Kramer: Lw. 2/XI Muna Lübberstedt Zwangsarbeit für den Krieg. Unter Mitarbeit von Thorsten Gajewi und Rüdiger Kahrs. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-254-3.