Bearbeitungsstand: 09.01.2013

Kriegsende in der MUNA Lübberstedt und Nutzung nach 1945

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Kriegsende in der MUNA Lübberstedt

„[Es musste] den nüchtern Denkenden klar sein, daß der schon in Friedenszeiten nicht ganz ungefährliche Umgang mit Sprengstoff bei einer militärischen Verteidigung der Munitionsfabrik zu einem nahezu unkalkulierbaren Gefährdungsrisiko für die Umgebung werden würde.“
[Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 164]

Am 22. Februar 1945 wurde eine Dampflok auf dem Anschlussgleis der Muna getroffen. Der Bereich um Bremerhaven sollte als "Festung Wesermünde" verteidigt werden.[Anfang 1944 erging der Befehl, die Muna zu einem vorgeschobenen Stützpunkt der Festung Wesermünde auszubauen. Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 163] Am 20. April wurden 440 Ungarinnen in den frühen Morgenstunden aus dem Lager Bilohe evakuiert. In den Abendstunden fielen erstmalig Bomben auf das Gelände der Muna. Die Produktion wurde aber wieder aufgenommen. Die Muna sollte in zwei Linien verteidigt werden: Das Verwaltungsgebiet der Muna sollte als Zitadelle (Festung in der Festung) ausgebaut werden. Die Straßen nach Bremerhaven/Wesermünde, Osterholz-Scharmbeck und Bremen sollten mit MG-Ständen, Panzersperren, Panzergräben und -fallen, Tobrukständen und Schützenlöchern für Panzerfaustschützen gesichert werden. "Dieser ausgebaute Stützpunkt war für die umliegenden Ortschaften selbstverständlich auch eine große Gefahr für den Fall, daß es hier zu Kampfhandlungen gekommen wäre", schrieb der Lagerleiter Major Pfeiffer später.[Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 164] Besonders gefährlich wurde die Lage, als am 12. April die Eisenbahnstrecke an mehreren Stellen durch Bombentreffer völlig zerstört wurde. Drei Tage lang lebten alle in Angst vor einem weiteren Angriff, der die im Muna-Gelände unbeweglich stehenden Munitionswaggons hätte sprengen können.

„Das Verteidigungskonzept hatte sich total geändert. Die Muna war über Funk informiert worden, die Feindlage würde in Kürze die Zerstörung der Anlage erforderlich machen. Befehl: Das bewaffnete Personal sollte sich danach nach Nordholz begeben und dem dortigen Kampfkommandanten unterstellen. Der Rest der Gefolgschaft sollte - ausgerüstet mit Handgranaten und Panzerfäusten - in der Umgebung der Anlage zum Kleinkrieg bereitstehen.“
[Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 170]


Lagerhaus 3 1945
Vorderansicht des Lagerhauses 3 - 20. April 1945

Das umfangreiche Lebensmittellager der Muna wurde am 9. und 10. April endgültig geräumt und die Bestände an die Zivilbevölkerung verteilt. Am Abend des 20. April fielen gezielt Bomben auf die Muna, nachdem noch kurz zuvor im Rahmen der Aktion Räumung der Munitionsbestände" unter Aufbietung aller Kräfte Sprenggranaten gefüllt und in 51 Waggons abtransportiert worden waren. Am 29. April befreiten englische Truppen das Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Die Leitung der Muna beklagte "das gesunkene Pflichtbewußtsein bei der zivilen Gefolgschaft, Einsatzbereitschaft sei kaum noch zu erkennen." Am 4. Mai wurde die Munitionsfertigung endgültig eingestellt. Die Sprengung der Anlage wurde organisiert und begann um 18 Uhr. In vier Stunden wurden 30 Detonationen gezählt.[Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 190]

„Mit sofortiger Wirkung haben alle Zivilisten in ihren Wohnungen zu bleiben. ... Die Haushaltsvorstände haben an ihre Haustüren ein Verzeichnis der Einwohner zu heften, ebenso ein Verzeichnis der aufbewahrten Waffen und Munition. Die Aufnahme und Beherbergung von Mitgliedern der deutschen Streitkräfte ist verboten.“
[Die Alliierten: Übergabe um 12.10 Uhr am 4. Mai 1945, Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 170]

Die Sprengung des Salpeterlagers ergab den größten Explosionskrater. Turmförmig stiegen die Detonationswolken auf mehrere 100 m hoch, und der nebelförmige Pulverdampf wurde bei leichtem Südwind in die nördlichen Waldgebiete geweht. Durch den in der Luft verbrennenden staubförmigen Pulverstoff und die gesprengten Lagerhäuser voller Papier und Pappe entstanden im Wald acht große Brände. Da auch Straßen gesprengt waren, konnten keine Feuerlöschfahrzeuge eingesetzt werden. Die Brände blieben sich selbst überlassen, plötzlich einsetzender Regen verhütete eine Katastrophe. Ein Zeitzeuge berichtete, dass die Ostarbeiter im Dorf auf den Unterständen gestanden haben und bei jeder Explosion jubelnd in die Luft gesprungen sind. Die Explosionen waren so stark, dass riesige Steinbrocken über 100 m in der Wiese des Bauern H. unweit des Giehler Baches landeten.[Mitteilung des Vorsitzenden des AK MUNA-Lübberstedt, Erdwig Kramer, vom 25. April 2012]

Am 6. Mai wurde die bedingungslose Kapitulation im Elbe-Weser-Dreieck bekannt gegeben. Der Lagerführer des Gefangenenlagers Lübberstedt "verließ auf einem gestohlenen Fahrrad seine Dienststelle".[Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 162] Die Zivilbevölkerung begann, zerstörte Brücken wieder benutzbar zu machen und Panzersperren abzubauen.

Nutzung des MUNA-Geländes nach 1945

Wegen des zerstörten Zaunes und beginnender Plünderungen wurden Soldaten auf Streife geschickt. Deutsche Arbeiter, die sogenannte „Schwarze Wache“, räumten unter amerikanischer Aufsicht die Trümmer der gesprengten Anlage auf. Die Telefon- und die Versorgungsleitungen wurden geflickt und das Gelände gesäubert. Dabei setzten die Amerikaner auch Metalldetektoren und Geigerzähler ein, denn bei ihnen hatte die Sicherheit Vorrang. Die Muna diente ihnen als Material- und Munitionsdepot. Sie suchten den Kontakt zur Bevölkerung, zeigten Schulkindern englischsprachige Filme und bescherten sie zu Weihnachten. 1951 wurde in einem Gebäude der Kaserne ein Kinderheim des Roten Kreuzes eingerichtet, mit 60 schulpflichtigen Kindern belegt und am 1. November eine Heimschule eingerichtet, die aber nur 11 Monate bestand. Die Kinder wurden in ihre Heimatkreise Stade, Bremervörde und Wesermünde zurückgeschickt. Weihnachten 1952 wurden im selben Haus 48 männliche junge Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone untergebracht, die aus dem Sammellager in Sandbostel kamen. Danach bestand wieder ein DRK-Kinderheim in der Kaserne mit Kindern, die nach Axstedt zur Schule gingen.

1954 verließen die Amerikaner die Muna. Nach Umbau und Renovierung bezog 1956 die Bundeswehr die Kaserne. Das Depot mit den 56 erhaltenen Bunkern wurde von der Nato benutzt und mit einem 2. Zaun zusätzlich gesichert. Am 31. Dezember 2009 gab die Bundeswehr endgültig das Depot auf. Die forstwirtschaftliche Nutzung des Waldes hat wieder den Vorrang. Die Kaserne wurde zur privaten Nutzung verkauft.[Mitteilung des Vorsitzenden des AK MUNA-Lübberstedt, Erdwig Kramer, vom 25. April 2012]


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Literatur: Barbara Hillmann, Volrad Kluge, Erdwig Kramer: Lw. 2/XI – Muna Lübberstedt – Zwangsarbeit für den Krieg. Unter Mitarbeit von Thorsten Gajewi und Rüdiger Kahrs. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-254-3.