Bearbeitungsstand: 09.01.2013

"Olga Tatarina lebte ein ganzes Leben in drei Jahren"

Logo des Arbeitskreises

Zurück zur Startseite!

Olga Tatarina
Olga Tatarina

Olga Tatarina, geb. Kaschtan, kam als 23-Jährige aus ihrer Heimat, der Ukraine, nach Lübberstedt. Ihr Arbeitsplatz wurde die Granatenfüllanlage. Sie hatte versucht, sich in ihrem Dorf zu verstecken, aber nach vier Tagen wurde sie abgeholt. Die polnisch sprechenden Wachen machten sich über die Ukrainerinnen lustig. Nach der Desinfektion kam sie auf eine Art "Sklavenmarkt", schreibt sie in einem Brief vom Juli 1994. Die "Kaufleute" hätten sich passende Arbeiterinnen ausgesucht.
Beim Befüllen der Granaten in Lübberstedt musste sie "schreckliche Gase" einatmen, schreibt sie, Haare und Kleidung färbten sich rot. Gewohnt haben sie im Frauenlager neben dem Männerlager in Bilohe - nur durch einen Stacheldrahtzaun getrennt. Die Männer gaben ihre Arbeitskleidung zu den Frauen, damit diese sie waschen und reparieren sollten. Dabei lernte sie Wassili Tatarin kennen, der aus dem Nachbardorf in ihrer Heimat kam. Sie heirateten, und am 26. Juli 1944 wurde ihr Sohn Ewgenie (Eugen) in Lübberstedt geboren. Sie war darüber traurig. "Ich machte mir Gedanken, wie er groß werden sollte, und was ich ihm sagen würde, warum wir hier sind", schreibt die Mutter.
Als die Familie nach Kriegsende in die Heimat zurückkehrte, war das bitter. "Man nannte uns Deutsche ... und dass wir Kinder von Franzosen haben." Wassili Tatarin wurde nach Überqueren der Elbe verhaftet. Er musste zwei Jahre Zwangsarbeit leisten, weil er für die Deutschen gearbeitet hatte. Im Zug brach unter den Kindern Masern aus, und es gab keine medizinische Versorgung. Ihr Sohn starb, und sie ging wieder zu ihrer Mutter. "Die Nachbarn flüsterten hinter mir her, dass ich sehr krank wäre."
Den Brief über ihre Zeit in Lübberstedt schließt sie: "Es wäre nicht richtig, auf Wiedersehen zu schreiben, so schreibe ich: Leben Sie wohl. [...] Gott behüte Sie, dass Sie uns die Möglichkeit gegeben haben, uns noch einmal an alles zu erinnern."
vgl. Hillmann, Kluge, Kramer (siehe Literatur) S. 91 f.

Zurück zur Startseite!

Weiter mit dem nächsten Kapitel!

Literatur: Barbara Hillmann, Volrad Kluge, Erdwig Kramer: Lw. 2/XI Muna Lübberstedt Zwangsarbeit für den Krieg. Unter Mitarbeit von Thorsten Gajewi und Rüdiger Kahrs. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-254-3.